Presse

Amtsblatt der Landeshauptstadt Stuttgart

Nummer 43 26. Oktober 1989

Knoblauch zwischen Rosen
Ökologisch orientierter Landschaftsgärtner regt seine Kunden zum Umdenken an.
Einsatz für naturnahe Lebensbedingungen.

"Wie Sie wissen, habe ich mich grundsätzlich gegen das Fällen eines gesunden Baumes ausgesprochen – nur aus dem Grund, weil er "Dreck" macht, wie man das Abwerfen von Laub (= Biomasse) hierzulande nennt", schrieb Hartmut Zipperlen, ökologisch orientierter Landschaftsgärtner, vor fünf Jahren einem seiner Kunden.
Ganz gegen betriebswirtschaftliche Vernunft weigerte er sich, eine Birke an der Nordseite des Hauses zu fällen:
"Der Baum hat zum Wachsen mindestens 30 Jahre gebraucht und kann von drei Mann in zwei Stunden kurz und klein gesägt sein – welch ein Verhältnis! Die dabei entstehenden Kosten wären weitaus sinnvoller angelegt, wenn das Laub kompostiert würde."
Auf die Argumente des Kunden eingehend, schrieb er damals weiter: "Es stimmt tatsächlich, daß Birkensamen überall hinfliegen. Dafür sind sie aber auch Träger eben jenes Lebens, das heute rundum gefährdet ist, wie wir täglich lesen können – eine Tatsache, die uns eigentlich freudig stimmen kann. Unter diesem Bewußtsein dürfte es nicht schwerfallen, bei der ohnehin durchgeführten Reinigung der Wohnung außer Staubfasern und Brotkrümel auch ein paar Birkensamen mitzunehmen, welche übrigens weder kleben noch färben. Ich sehe meine Aufgabe als Gärtner", fährt Hartmut Zipperlen fort, "auch darin, wo möglich der Natur zu dienen. Ich würde mich sehr freuen, wenn die Birke am Leben bleiben dürfte."

Die Birke steht heute noch, und die Kundschaft ist treu geblieben. Nicht immer gelingt dies dem Überzeugungstäter Zipperlen. Nach seiner Ausbildung als Ingenieur für Landschaftspflege und einigen Jahren Praxis hat er 1980 den väterlichen Betrieb in Botnang übernommen. Nun versucht er, seine Gedanken von der Entfaltung der natürlichen Harmonie in den Gärten seiner Kundschaft umzusetzen.
"Ich möchte den Vorsprung, den ich durch meine Fachkenntnis habe, anderen weitervermitteln", erklärt er.
"Ich sehe es als meine Aufgabe an, daß ich mich weiterbilde und mein Wissen weitergebe. Worüber man vor Jahren noch den Kopf schüttelte, das ist zum Glück heute immer mehr anerkannt und gefragt.

Hartmut Zipperlen und sein Team bemühen sich im Einklang mit den Auftraggebern, Grünanlagen mit möglichst naturnahen Lebensbedingungen zu schaffen. Alle Lebewesen sollen darin zu ihrem Recht kommen: Pflanzen und Tier ebenso wie der Mensch. Das Ganze und die einzelnen Teile sollen miteinander harmonisieren – nicht nur optisch für den Menschen, sondern auch in ihren individuellen Lebensansprüchen.
Doch jeder Gartenfreund hat seine eigenen Vorstellungen vom Garten seiner Träume. Ob es ein bunter Nutzgarten werden soll, mit Blumen und Gemüse, Obst und Kräutern in Üppigkeit nebeneinander, oder eine raffinierte Gartenanlage mit Teich und in Stufen herabplätscherndem Bächlein - jeder Kunde wird individuell bedient, wobei Hartmut Zipperlen kein Blatt vor den Mund nimmt, wenn es darum geht; den Kunden auf künftige Probleme hinzuweisen.
Seine Arbeit beginnt normalerweise mit der Rohplanie. Dann folgen Stützbauwerke, Treppenanlagen und Wege, zu denen vorzugsweise Naturstein verwendet wird. Dann gilt es, die richtigen Pflanzen für die Lage des Gartens auszusuchen und einzupflanzen.

Die Pflanzenauswahl ist ein wichtiger Gesichtspunkt im ökologisch orientierten Gartenbau. Immergrüne Koniferen (Nadelhölzer) werden nur in Ausnahmefällen als Sichtschutz gepflanzt. Ein starker Akzent liegt auf den Wildstauden. Für einheimische Gehölze sind unsere Gärten oft zu klein.
"Man kann keinen Holunder pflanzen, wenn man nur einen Garten von vier Ar hat", erklärt Hartmut Zipperlen. "Im Privatgarten sind uns wegen des Nachbarrechts mit Wildgehölzen gelegentlich schon die Hände gebunden."
In gewerblichen Anlagen haben die Gartengestalter sehr viel mehr Freiheit. Bei der Spedition Christ am Güterbahnhof beispielsweise sind ganz bewußt nur einheimische Gehölze wie Holunder, Hartriegel, Liguster und Heckenrose gepflanzt worden, nicht zuletzt, weil es die robustesten sind. Denn dort herrscht ein extrem trockenes und Heißes Stadtklima.

Grünfinken putzen Läuse weg.
Der Schwerpunkt des ökologisch orientierten Gartenbaus liegt in der Beratung des Kunden. Wie das Wachsen der Pflanzen eine Zeitfrage ist, so sei auch das Umdenken eine Zeitfrage, meint der einfühlsame Pfleger der Natur. "Wenn mich ein Kunde anruft, weil seine Bäume Läuse haben, erzähle ich ihm die Geschichte vom Zwetschgenbaum in meinem Garten. Der hat jedes Jahr seine Läuse, und jedes Jahr setzen sich die Grünfinken drauf, daß sich die Zweige biegen. Das beobachte ich mit Wonne. Der Baum hat nie große Schäden behalten durch die Läuse."
Den Knoblauch für die Küche holt Frau Zipperlen übrigens aus dem Rosenbeet. Denn seit zwischen den Rosen Knoblauch wächst, sind deren Pilzkrankheiten verschwunden. "Vor zehn Jahren bin ich damit noch ausgelacht worden", sagt Hartmut Zipperlen.
"Heute: hören mir die Leute zu."

Blumenwiese statt Rasen.
Die Frage, die ihm Gartenbesitzer am häufigsten stellen, ist: "Mein Rasen vermoost, was soll ich tun?"
Da pflegt er dann zu sagen: "Auf meinem Rasen wächst auch Unkraut, aber ich lasse alles wachsen." Auf diese Art hat er eine wunderschöne Gänseblümchenwiese bekommen, auf der seine Kinder gerne spielen. Ein konventionell gepflegter Rasen ist die unnatürlichste Pflanzengesellschaft, die es gibt, versucht er dann seinen Kunden verständlich zu machen.
"Ich schaue in meinen Garten, was sich am besten entwickelt, das fördere ich - wenn es nicht gerade Hahnenfuß ist, denn der gedeiht überall gut."

"Im eigenen Garten ist einem ja jedes Pflänzchen ans Herz gewachsen", gesteht Hartmut Zipperlen.
"Wenn man sieht, wie die Schnecke dahintergeht, würde man sie am liebsten verwünschen. Aber Schneckenkorn streuen wir alt auch keines. Wir haben zwei Igel und Kröten. Ich werde mich hüten, Schneckenkorn zu streuen."
Bierfallen bieten sich an oder unter einem Blatt versteckte Kleie, wo sich die Schnecken dann sammeln und abgelesen werden können. Was Schnecken überhaupt nicht mögen, ist Holzasche. Man muß sie allerdings ganz dick ausstreuen. Doch wenn’s lange regnet, ist alles wieder weg.

Gefragt ist der ökologisch orientierte Betrieb nicht nur bei privaten und gewerblichen Kunden, sondern auch bei den Auszubildenden. Es können gar nicht alle berücksichtigt werden, die sich bewerben.
Auch beim betriebsinternen Maschineneinsatz verhält man sich umweltbewußt: Das Firmenauto ist mit Katalysator ausgerüstet. Für die Motorsägen wird das umweltfreundlichere, aber teurere Öl verwendet, der Radlader fährt mit PCB-freiem Hydrauliköl.

Mehr Grün im Hinterhof.
Daß Hartmut Zipperlen nicht alles gelingt, was er offenherzig anpackt, beweist die traurige Geschichte eines Hinterhofs im Stuttgarter Westen.
Der Betrieb bekam den Auftrag, die Schlingpflanzen, die den quer über den Hof verlaufenden Zaun und Teile der Welldächer überwucherten, zurückzuschneiden.
Zähneknirschend kam man diesem Auftrag nach. Doch Zipperlens Team machte sich die Mühe, an die Bewohner des Häuserblocks einen Brief zu schreiben, der in alle 200 Briefkästen geworfen wurde.
"Vielleicht ist es Ihnen noch nicht aufgefallen", hieß es da, daß heute in der von allen Gebäuden gemeinsam umschlossenen Freifläche, den Hinterhöfen, ein letzter Rest von lebendigem Grün ganz erheblich verringert wurde.
Weil die Schlingpflanzen angeblich unordentlich aussahen und Fahrzeugstellplätze beeinträchtigt haben. Aber sind es wirklich die Pflanzen, die den alten Zaun krummgedrückt haben? Oder sind es dahinter lagernde, von dem "häßlichen Gestrüpp" freundlicherweise verdeckte Autoreifen?
Sind die Pflanzen schuld, wenn schmieriges Öl über die Grenzmauer trielt und im Boden versikkert?
Und was glauben Sie, wo die immer wieder gesichteten Ratten hausen: in den grünen Pflanzen oder in dem dahinter verborgenen Unrat?
Worum es uns im Grunde genommen geht ist dies: Wir wollen Sie darauf hinweisen, daß die Schlingpflanzen nicht die Ursache der Unordnung sind, für die sie jetzt büßen müssen, sondern ein starkes Lebenskapital."
Der Brief endet mit der Aufforderung, den Hinterhof neu zu begrünen. Doch geschehen ist seither nichts.
Dr. Eva Walter

Mit gutem Beispiel voran!
In unserer Artikelserie zum Thema Umweltschutz in Stuttgart werden Menschen, Gruppen und Firmen porträtiert, die Vorbildliches In Sachen Umweltschutz geleistet haben. Das Amtsblatt möchte sie, ihr Anliegen und Ihre Aktivitäten vorstellen, zugleich aber auch Leserinnen und Leser anregen, ihrem guten Beispiel zu folgen.

Quelle: Amtsblatt der Landeshauptstadt Stuttgart, Nummer 43,
26. Oktober 1989, Seite 11